Inspiration

Über die Wunder der neuen Nähe

Ich habe erst spät in meinem Leben die Nähe kennengelernt. Jenes mystische Wesen das ich, aufgewachsen mit zwei älteren Brüdern, mehr aus Büchern und Songtexten kannte. Sich gegenseitig Zuneigung zu zeigen ist zusammen mit Weinen und Petzen etwas, das für mich undenkbar war – so etwas macht man als Junge nicht. Ich war aber immer ein Sensibelchen. Zum Glück. Meine Brüder und ich zeigten uns durch blaue Flecken und Wasserschlachten, dass wir uns lieb hatten – wir wollten Männer sein, so wie unser Vater, der stark in Wirkung und Gestalt unser leuchtendes Vorbild war. Dann war da noch meine Mutter, der Mensch, der mich am ähnlichsten war. Wenn keiner hinguckte, konnte ich bei ihr so sein wie ich bin. Jemand, der Nähe sucht.

Die Angst vor der Nähe, ist eigentlich die Angst vor der Verletzung

So wie mir geht es auch heute noch vielen, vor allem Männern. Es liegt nicht nur an unserer Erziehung; die ganze Gesellschaft lebt uns vor, dass wir Krieger sein müssen um als Mann etwas zu gelten. Doch genau wie sich Tränen zu verkneifen ist auch die scheinbare Wirkungslosigkeit von Zärtlichkeit nur eine große Angst. Angst, dass uns etwas zu nah geht. Nähe auszuhalten ist oftmals viel schwieriger als man annehmen möchte, sie kann regelrechte klaustrophobische Zustände hervorrufen und weckt den Fluchtinstinkt. Kein Wunder also, dass viele Frauen die Erfahrung machen, dass Männer Reißaus nehmen, wenn die Sache zwischen ihnen ernster zu werden droht. Wir Männer können verstehen wie das wirkt, dass wir Arschlöcher sind, die nicht die Kuh kaufen wollen, wenn sie die Milch auch so haben können; beziehungsunfähige große Jungs, die keine Verantwortung und Verbindlichkeit übernehmen wollen. Manchmal richtig, doch genauso oft ganz anders.

Dieses Verhalten kann nämlich ebenso gut Ausdruck einer großen Unsicherheit sein. Wenn uns eine Frau nahe kommt, könnte sie herausfinden, dass wir vielleicht gar nicht so cool und gelassen und „männlich“ sind – und vielleicht kann sie uns dann nicht lieben, weil wir eben doch manchmal weinen und Angst im Dunkeln haben. Das alles ist natürlich kein bewusster Gedankengang – die Angst, in unserer Identität missverstanden zu werden, steckt tief und setzt uns unbewusst so stark unter Druck, dass Nähe für uns herausfordernd sein kann. Das ist keine Entschuldigung für Machoverhalten und soll bitte auch nicht so verstanden werden. Vielmehr sehe ich eine Chance, der neuen Nähe mehr Aufmerksamkeit zu schenken – denn in ihr können wahre Wunder liegen.

 

Nähe und Vertrauen sind eng miteinander verbunden

Ich bin davon überzeugt, dass eines der Geheimnisse der großen Liebe in eben dieser Nähe liegt. Die meisten Beziehungen scheitern daran, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, das Liebesleben schläft ein und man fühlt sich zu zweit allein und isoliert. Dabei könnte es so einfach sein! Ich habe folgendes entdeckt: Nähe erzeugt Nähe. Sie ist jederzeit da und abrufbar, das einzige, das wir anbringen müssen ist Vertrauen. Zum einen in die Verbindung zum anderen Menschen, doch vor allem in uns selbst. Wir dürfen daran glauben, dass wir liebenswürdig sind, auch wenn wir nicht perfekt sind, auch wenn man unsere Fehler sieht. Wer aufhört, miteinander zu sprechen, wird aufhören die Nähe zu suchen – was sich wiederum auf die Zärtlichkeit in der Partnerschaft auswirkt. Sex ist nicht zwangsläufig Nähe und im Umkehrschluss Nähe nicht zwangsläufig nur Sex – doch mit Sicherheit ein Teil davon, der uns aufzeigt wie wir zueinander stehen. Nähe bedeutet Los- und sich gehen lassen ohne Angst davor, tief zu fallen.

Wer Nähe spüren will, muss die Angst loslassen

Wie wäre es, wenn wir uns wieder öfter etwas nahe gehen lassen? Es muss nämlich nicht immer ein anderer Mensch beteiligt sein, der an uns herantritt. Nähe bedeutet auch mitfühlend zu sein, sich von etwas „berühren“ zu lassen. Auch hier spielt Angst wieder eine große Rolle – warum sonst verschließen wir die Augen und gucken weg, wenn uns etwas begegnet, dass uns eventuell direkt im Herz erreichen könnte. Würde es die Welt nicht ein Stück besser machen, wenn wir zulassen könnten, dass uns Schicksale und Geschichten, Worte und manchmal auch Melodien nahe gehen? Könnten wir nicht merken, dass wir uns alle viel ähnlicher sind als einigen von uns lieb ist? Nähe aushalten. Von Fremden, die auf Schlauchbooten ankamen oder Menschen, die völlig vereinsamt in der Wohnung direkt neben uns leben? Ich habe anfangen, mich berühren zu lassen und mich gegen eine künstliche Distanz entschieden. Wenn die so große Welt schon verrückt spielt, will ich sehen, wie viel davon zwischen meine Arme passt. So habe ich vor Jahren angefangen, Menschen zu umarmen. Meine liebsten Menschen natürlich – auch wenn das weniger leicht war als gedacht, auch wenn mein Vater dabei mittlerweile nicht mehr komplett verkrampft und mir aus Verlegenheit immer auf die Schulter klopft um es auszuhalten. Doch auch bei Menschen, die ich gerade erst kennengelernt habe und das fiel mir am Anfang gar nicht so leicht, doch es wirkt. Nähe erzeugt Nähe, Vertrauen, Wertschätzung. Man entwickelt ein Gefühl dafür, für wen das in Ordnung geht und wer die Distanz weiterhin möchte – doch dieser kleine Akt hat die Art und Weise verändert, wie ich mit Menschen kommuniziere und wie ich sie kennenlerne. Ich habe keine Kumpels, ich habe Freunde und ich hab keine willkürlichen Menschen in meiner Straße, ich habe Nachbarn.

Und was aus dem Sensibelchen geworden ist fragst du dich? Als ich gelernt habe, dass ich meine Bedürfnis nach Nähe und meine Emotionalität leben darf, wurde ich endlich zum Mann. Sich zu entscheiden, gegen gängige Regeln zu leben ist wirklich souverän und bedeutet eine ganz neue Freiheit, die uns alle weiterbringen kann. Als Mann. Als Frau. Für alles dazwischen. Denn ja liebe Mädels: Jungs dürfen weinen und kuscheln. Ihr übrigens auch. Nur mal so.

 

Photocredits:
Fotos von Marek & Beier Fotografen

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