Inspiration

Was man mir als Teenager hätte sagen sollen

Es ist eine sensible Sache sich fotografieren zu lassen. Wenn der Fotograf emotionale Bilder machen möchte, kann das mitunter eine sehr intime Sache sein, die Vertrauen erfordert und oftmals ein bisschen Mut; zumindest aber Offenheit und eine gewisse Portion Neugierde. Wer das investiert, erlebt einen besonderen Mehrwert, der bei der Arbeit mit Teenagern besonderes Gewicht bekommt.

 

Dass sich die Menschen nicht gerne fotografieren lassen, ist kein Geheimnis. Viele haben Angst sich zu blamieren oder wieder enttäuscht zu sein um sich anschließend wieder unwohl in ihrer eigenen Haut zu fühlen. Das ist natürlich bei Erwachsenen ein intensives Thema, Teenager aber haben in dieser Hinsicht noch mehr zu „verlieren“: ihre Gefühle schwanken zwischen dem Kindsein und dann wieder erwachsen – viele Dinge erscheinen mit einem Mal kompliziert – vor allem der eigene Körper verändert sich so rasend schnell, dass der Kopf gar nicht hinterher kommt. Und dann ist da noch dieses Gefühl von Scham und Unsicherheit – wie soll man sich da fotografieren lassen?

 

Selfies sind ein Versteckspiel

Selfies dagegen sind hoch im Trend, vor allem Mädchen schießen täglich unzählige Fotos von sich und stellen sie ins Netz, auf Instagram oder verschicken sie mit Snapchat. Was dabei auffällig ist, ist, dass die Bilder absolut austauschbar sind – stets der selbe Winkel, die selbe Neigung des Kopfes und das selbe Lachen. Es liegt nahe, dass es eine Art Schauspiel ist, eine bewährte Pose, die immer wiederholt wird. Oft werden starke Bearbeitungen vorgenommen, die die Haut weichzeichnen, Augen vergrößern – bis hin zu Comiceffekten oder digitalem Make-Up, das über das Bild gelegt wird, um es noch mehr zu verfremden. Für mich scheint es ganz so, als wäre das eine Art Versteckspiel vor der Wirklichkeit, die ja speziell in diesem Alter unfair wirkt – man möchte erwachsen sein und das möglichst schnell und dabei noch makellos.
Verstärkt wird dieses Gefühl natürlich durch den Vergleich mit Stars, die von der ganzen Welt angebetet über die Bildschirme flimmern, Youtube-Gurus mit Schminkvideos, die einen neuen Standart vorgeben. Dass Stars in Magazinen niemals ohne starke Nachbearbeitung gedruckt werden, spielt dabei keine Rolle, genauso wenig wie der Fakt, dass deren Selbstbewusstsein unter diesem täglichen Druck ebenfalls leidet. Da wird der Blick in den heimischen Spiegel ernüchternd – hat man einfach keine perfekte Haut, keine meterlangen Beine und schon gar keinen Schmollmund.

Man muss ihnen sagen, dass sie genug sind

Wenn einem das alles bewusst ist, ist es bei der Arbeit mit Teenagern die Möglichkeit, neben tollen Bildern etwas viel größeres zu geben: ein neues Bewusstsein – Selbstwirksamkeit und die Erlaubnis, sich schön zu fühlen und es zu leben. Wenn man als Fotograf in einem solchen Prozess ermunternde, beinahe befeuernde Worte formuliert, ihnen klarmacht, dass sie sich mit niemandem vergleich müssen, dass alles was sie sind genug ist und alles was sie brauchen, schon längst da – dass sie niemandem etwas beweisen müssen, sondern ihnen klarmacht, dass sie mehr als nur „voll okay“ sind wie sie sind. Wenn man ihnen dann Bilder von ihnen zeigt, die sie wunderschön finden, kann sich alles verändern. Diese Bilder zeige ich unbearbeitet, verbunden mit einer flammenden Laudatio an die persönliche, eigene Schönheit. Es sind genau die Worte, die ich gebraucht hätte, die Worte, die mir so viele Jahre der Unsicherheit erspart hätten. Es ist diese Art von Respekt und Aufmerksamkeit, der sie aufrecht werden lässt, losgelöst lachend, wenn sie vergessen oder darauf pfeifen, dass sie eine Zahngspange tragen müssen und mir und der Kamera ein strahlendes Lächeln schenken. Sie können es von mir annehmen, ich bin nicht ihr Vater oder ihr Lehrer, im besten Fall bin ich für sie sogar „cool“.
Bei meiner Arbeit liebe ich den Mehrwert und selten sieht man die Entfaltung des Potentials so deutlich, als wenn sie die Schüchternheit ablegen, wenn sie feixen und scherzen und so wirken, als seien sie einen Meter größer. Bilder von Teenagern sind vielfältig – du kannst sie so fotografieren, dass sie sich wie Kinder fühlen und so, dass sie Erwachsene sind und sie darauf aufmerksam machen, dass diese Zeit nicht etwas schwieriges ist, sondern eine Chance – die Chance, beides sein zu dürfen. Und wenn sie klug sind und wenn wir alle klug sind – dann begreifen sie und wir, dass wir niemals damit aufhören müssen – immer beides sein dürfen – vielleicht würden wir uns dann ein bisschen weniger ernst nehmen und akzeptieren: So wie wir sind, sind mehr als nur „okay“.

Fotocredits: Florian Beier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.