Seelische Gesundheit

5 Tipps um die Entscheidung zu treffen, die zu dir passt.

Wie soll ich mich entscheiden?

Tagtäglich sind wir damit konfrontiert, Entscheidungen treffen zu müssen – bis zu 20 000 sollen es pro Tag sein. Oft fällt uns die Wahl leicht oder wir haben schon ein bestimmtes Handlungsmuster dafür entwickelt: Müsli oder Marmeladenbrot? Mit dem Auto zur Arbeit oder mit dem Fahrrad? Abends zum Sport oder gemütlich auf die Couch? Viele Entscheidungen fällen wir unbewusst; bei vielen Fragen ist uns die passende Lösung sofort klar. Kniffliger wird es bei Entscheidungen, die wir nicht alltäglich treffen müssen, die vielleicht umfangreiche Konsequenzen nach sich ziehen oder die rational nicht so einfach zu begründen sind. Zudem gibt es nicht die eine richtige Entscheidung – viele Perspektiven müssen beachtet werden.
Dass es bei Entscheidungen nicht eine Lösung gibt, die die Bedürfnisse aller gleichermaßen befriedigt, habe ich durch meine Freunde Lena und Thomas gelernt. Die beiden waren seit dem Studium ein Paar und unzertrennlich. Ich lernte sie während meiner Arbeit in einer Klinik kennen – wir alle drei arbeiteten übergangsweise dort um zu überlegen, wie es für uns weitergehen sollte. Als Psychologen, gerade fertig mit dem Studium, hatten wir viele Möglichkeiten – und somit die Qual der Wahl. Ich hatte schon damals den Plan ins Auge gefasst, mich selbständig zu machen. Die Vorstellung, den größten Teil meiner Arbeitszeit mit psychologischer Beratung zu verbringen, andere Menschen zu unterstützen statt viele Stunden in Teamkonferenzen und mit dem Schreiben von Berichten zu verbringen, reizte mich. Lena spielte mit dem Gedanken eine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten zu machen, eine von Psychologinnen und Psychologen häufig gewählte Laufbahn. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich zu entscheiden, wo sie zukünftig leben wollte. Nur eins war sicher: Sie wollte nicht ohne Thomas sein. Dieser strebte eine ähnliche Ausbildung an, äußerte aber auch den Wunsch, vor Beginn der Ausbildung zu reisen, die Welt zu erkunden und neue Sprachen zu lernen. Die beiden diskutierten viel über ihre unterschiedlichen Vorstellungen und kamen zu keiner gemeinsamen Lösung. Die Vorstellung, getrennt voneinander, sogar in verschiedenen Ländern zu sein, machte ihnen Angst – der Gedanke daran, die eigenen Träume jedoch jetzt für den anderen aufzugeben, schien auch keine Möglichkeit zu sein. Lenas starkes Sicherheitsbedürfnis erlaubte ihr nicht, den Job in der Klinik zu kündigen und ohne weitere Pläne auf Reisen zu gehen während Thomas Freiheitsdrang immer größer wurde und die Anstellung in der Klinik ihn von Woche zu Woche mehr einzuengen schien. Wir diskutierten immer wieder alle Möglichkeiten: Wie sollten sie sich entscheiden?

Kopf- oder Bauchmensch?

Der Kopfmensch findet die Antwort auf diese Frage in den psychologischen Erwartungs-Wert-Modellen. Anhand dieser kann ein Entscheidungsprozess ganz rational betrachtet werden. Sie besagen, dass sich die Motivation für ein Verhalten aus dem Produkt der Wahrscheinlichkeit der Verhaltenskonsequenz und dem Wert dieser ergibt. Kurz gesagt: Wir sind umso höher motiviert, eine bestimmte Wahl zu treffen, umso wahrscheinlicher sie uns an ein bestimmtes Ziel bringt und umso attraktiver genau dieses Ziel für uns ist. Die Entscheidung, seinen sicheren Job zu kündigen um eine Weltreise zu machen, fällt also einem Entscheider, der nach der größtmöglichen Freiheit strebt, viel leichter als einem sicherheitsbedürftigen Menschen, da dieser ein hohes Maß an Freiheit nicht unbedingt als so attraktiv betrachtet. Der Bauchmensch trifft seine Entscheidung jedoch nicht nur abhängig von der Attraktivität des Ziels und der Wahrscheinlichkeit, dieses zu erreichen. Er bezieht noch viele andere Komponenten in seine Entscheidung mit ein – die meisten davon sind ihm nicht mal bewusst. Wie geprägt wir von Erinnerungen, alten Erfahrungen und Einflüssen durch Menschen aus unserem Umfeld sind, zeigt die Wissenschaft.

Eher Bekanntes als Unbekanntes

Bewiesenermaßen neigen wir unbewusst dazu, unsere Entscheidungen zugunsten der Alternative zu treffen, die uns bekannt ist. In Versuchen, bei denen die Gehirnströme der Probanden in Entscheidungssituationen gemessen wurde, konnten Forscher der Universität des Saarlandes feststellen, dass das Gehirn innerhalb von Sekundenbruchteilen zu arbeiten begann. Jedoch nicht, um abzuwägen, welche die bessere Entscheidungsalternative war, sondern einzig und alleine um zu überprüfen, welche der Alternativen bekannter waren. Auf diese Weise war es den Forschern sogar möglich, den Versuchspersonen ihre Antworten vorauszusagen. Wir wägen uns gerne in Sicherheit und neigen dazu, die Option zu wählen, von der wir sicher wissen, was sie zur Folge hat. Dass wir zur bekannten Alternative neigen können wir nicht ändern – das Wissen darüber kann uns jedoch helfen, in der nächsten Entscheidungssituation bewusst zu überlegen, ob wir zu dieser bestimmten Entscheidung neigen, weil sie die beste ist oder weil sie die bekannte und damit sichere Alternative darstellt.

Sozialer Druck

Studien zeigen zudem, dass wir im Allgemeinen dazu neigen, unsere Entscheidungen der Mehrheit anzupassen. Das hat verschiedene Gründe. In vielen von uns schlummert der Gedanke ‚So viele Menschen können nicht irren‘ und wir verlassen uns blind auf das Urteil anderer. Die Gefahr dabei ist, dass wir nie wissen können, aus welchen Gründen und Bedürfnissen heraus, die anderen Menschen ihre Entscheidungen treffen. Sollten diese nicht unseren Motivationen entsprechen, treffen wir unter Umständen die für uns falsche Entscheidung. Sozialkonform zu entscheiden erleichtert uns ab und zu auch das Leben und erspart Diskussionen. Die negativen Folgen der eigenen abweichenden Entscheidungen sind teils so gravierend, dass viele Menschen dem sozialen Druck erliegen und sich der Mehrheit anschließen. Bei kleinen Entscheidungen, die zu keinen großen Lebensveränderungen führen, beispielsweise die Wahl des Restaurants, mag das keine schlimmen Auswirkungen haben – bei großen, lebensbedeutenden Entscheidungen, ob man zum Beispiel eine Familie gründen möchte, ist es jedoch umso wichtiger, ein autonomes Werturteil zu treffen. Man kann lernen, sich von Einflüssen von außen zu lösen und eigene Entscheidungen zu treffen. Oftmals hilft es, Distanz zu schaffen, sich für die Zeit der Entscheidungsfindung zurück zu ziehen und sich damit von familiären und sonstigen sozialen Einflüssen zu distanzieren. Es hilft zudem, sich bewusst zu machen, aus welchen Gründen und Motiven heraus man selbst sich anders entscheiden würde, als die Mehrheit. Wenn man beispielsweise bei sich selbst feststellt, dass das eigene Bedürfnis nach Sicherheit viel geringer ausgeprägt ist, als bei anderen Menschen und der Wunsch nach Freiheit dafür umso größer, erscheint es plötzlich plausibel, dass man, anders als vielleicht von der Familie erwartet, die Laufbahn als Beamter an den Nagel hängt um sich einem Beruf zu widmen, der dem eigenen Freiheitsbedürfnis stärker gerecht wird. Wie stark wir jedoch auch unbewusst von den Entscheidungen früherer Generationen in unserer Familie beeinflusst sind, zeigen die sozialen Vererbungstheorien.

…so wie Mama und Papa: Die soziale Vererbungstheorie

Wissenschaftler der Soziologie konnte feststellen, dass Kinder bei Entscheidungen, beispielsweise der Berufswahl, alleine schon deshalb ähnlich wie ihre Eltern entscheiden, weil sie nur die Informationen haben, über die ihre Eltern verfügen. Der Beruf, den die eigenen Eltern ausüben, ist schon seit der Kindheit in der Familie präsent. Andere Berufe, die weder im Familien- noch im weiteren Freundes- und Bekanntenkreis ausgeübt werden, werden somit oft gar nicht erst in die Überlegungen miteinbezogen. Entweder ist das Kind sich über deren Existenz gar nicht bewusst oder es gibt nur rare Möglichkeiten, sich überhaupt über dieses Berufsbild in der Familie zu informieren. Ähnlich verhält es sich mit bestimmten Einstellungen, die von den Eltern übernommen werden: Da die Einstellung der eigenen Familie stärker präsent ist als ein Gegenentwurf dazu, kostet es viel Zeit und Energie, sich über andere, konträre Einstellungen überhaupt zu informieren. Dieses Phänomen führt laut der sozialen Vererbungstheorie auch ohne explizite Erwartungen durch das äußere Umfeld dazu, dass die Kinder sich beruflich und bezüglich ihrer Einstellungen und Überzeugungen stark an ihren Eltern und ihrem sozialen Umfeld orientieren. Auch hier bleibt nur der Ratschlag zu geben: Prozesse, die wie dieser unbewusst ablaufen, können schwer vermieden werden. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass sie jedoch stattfinden und unbemerkt jede Entscheidung beeinflussen, kann dazu führen, sie besser zu kontrollieren und eine eigene Entscheidung für sich selbst, unabhängig vom sozialen Umfeld, treffen zu können.

Die Entscheidungsparalyse

Ein weiteres Phänomen, das bei der Entscheidungsfindung auftritt, besteht darin, dass wir uns manchmal überhaupt gar nicht entscheiden wollen. Entscheidungen gehen mit Veränderungen einher, die uns oft Angst machen. Um diese neuen Situationen zu vermeiden, haben wir die Tendenz, ganz einfach beim Alten zu bleiben. Eine typische Situation, in der diese sogenannte Entscheidungsparalyse auftritt, finden wir beim Frisör: Kaum auf dem Stuhl Platz genommen und einen Blick in den Spiegel geworfen, finde viele von uns ihre Frisur plötzlich so schön wie nie. Dahinter steckt die Angst vor dem Neuen und Unbekannten – die Angst davor, dass wir unsere Entscheidung danach bereuen könnten. Die Angst, dass uns nach dem Vollzug unserer Entscheidung auffällt, dass es davor doch viel besser war. Deshalb neigen wir dazu, in Situationen zu verharren, auch wenn sie uns nicht zufrieden stellen, erst recht nicht glücklich machen: Wir bleiben im Job, auch wenn wir jeden Tag die Minuten bis zum Feierabend zählen und am Wochenende gar nicht an Montag denken wollen. Wir bleiben bei unserem Partner, auch wenn uns schon lange die Zärtlichkeit und das Interesse füreinander abhanden gekommen ist. Und wir halten die Freundschaft zu dieser einen Freundin aufrecht, auch wenn wir das Gefühl haben, dass sie uns dauerhaft runterzieht – einfach weil wir Angst haben, dass alles was danach kommt nur schlechter sein wird. Eine pauschale Lösung hierfür gibt es nicht. Meine persönliche Erfahrung hat mich gelehrt, dass sich der Absprung ins Unbekannte meist lohnt, dass man für den Mut, das Alte hinter sich zu lassen, oft belohnt wird. Generalisieren kann man diese Erfahrung jedoch nicht. Diese Entscheidungsparalyse, also die Tendenz, dazu zu neigen, Entscheidungen gänzlich zu vermeiden, sollte uns jedoch bewusst sein. Das ist der einzige Weg zu erkennen, ob wir unseren Job oder unsere Beziehung gerade wirklich schätzen, oder ob wir sie nur aus Angst vor dem Unbekannten aufrecht erhalten. Denn wenn diese Angst erst einmal erkannt worden ist, fällt es leichter zu hinterfragen, wie realistisch sie ist.

Entscheidung für die erste Option

Eine weitere Tendenz, die unsere Entscheidungen unbewusst beeinflusst, besteht darin, dass wir dazu neigen, uns für die erste Option zu entscheiden, wenn mehrere Möglichkeiten zur Auswahl stehen. Forscher der Universität Berkeley und Harvard fanden nun den Grund dafür heraus. Oft bedienen wir uns bestimmter Techniken zur Entscheidungshilfe, beispielsweise schreiben wir eine Liste verschiedener Alternativen oder werfen eine Münze. Hierbei kann besonders oft beobachtet werden, dass wir uns schlussendlich für die erste Alternative entscheiden, beispielsweise den ersten Punkt auf Liste oder die Alternative, mit der wir die erste Seite der Münze benannt haben. Die Forschung zeigt, dass dieses Phänomen ganz einfach dadurch zu erklären ist, dass wir bereits beim Erstellen der Liste die verschiedenen Alternativen unbewusst in eine Reihenfolge bringen. Was an erster Stelle steht wird von unserem Unterbewusstsein von Beginn an präferiert. Somit ist es keine Überraschung, dass wir uns häufig für die Alternative, die an erster Stelle steht, entscheiden. Trotzdem kann es hilfreich sein, eine Liste zu schreiben oder eine Münze zu werfen. Zweiteres dient jedenfalls zuverlässig dazu, schnell zu einer Entscheidung zu kommen: Sobald die Münze gefallen ist wissen wir nämlich meist ganz genau, was wir wollen.

Vor einer Weile rief mich meine Freundin Lena an und erzählte, dass sie sich entschlossen habe, ihre Anstellung in der Klinik, in der wir uns kennengelernt hatten, zu verlängern. Sie war sich bewusst geworden, dass ihr Sicherheitsbedürfnis aktuell so stark war, dass sie keinen Schritt ins Ungewisse gehen konnte und wollte. Ihr Freund Thomas hingegen hatte beschlossen, für ein Jahr zu reisen. Er wollte neue Kulturen entdecken und Sprachen lernen. Sein Freiheitsbedürfnis war so stark, dass ihm beinahe keine andere Wahl blieb. Die beiden hatten eingesehen, dass sie ihre Beziehung nur aufrecht erhalten konnten, wenn sie einander erlaubten, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Selbst wenn das für den Moment bedeutet, räumlich getrennt zu sein. Sie hatten eingesehen, dass sie lieber eine Fernbeziehung auf Zeit führen und sich dafür auf eine gemeinsame Zukunft freuen wollten, als sich gegenseitig so weit einzuschränken, dass die Unterdrückung ihrer jeweiligen Bedürfnisse am Ende dazu führen würde, dass sie keine gemeinsame Zukunft mehr sehen konnten.

5 Tipps für unabhängige Entscheidungen

Egal ob du zu den Bauch- oder Kopfmenschen gehörst, unabhängig davon, welche Strategien du hast, um an Entscheidungen heranzugehen: Mit diesen fünf Tipps wirst du in Zukunft besser unterscheiden können, welche Entscheidung du wirklich treffen willst, weil sie die Richtige für dich ist. Mithilfe der Tipps wird es dir gelingen, den unbewussten Anteil, der deine Entscheidungen ausmacht, zu erkennen, wahrzunehmen und zu einer Lösung zu kommen, die du unabhängig von ihm und ganz aus dir heraus triffst.

  • Tipp 1 Überprüfe, ob du die Entscheidung nur triffst, um die bekannte Alternative zu wählen.
  • Tipp 2 Überprüfe, ob du die Entscheidung aufgrund von Verlangen nach sozialer Konformität triffst und distanziere dich dementsprechend für die Zeit der Entscheidungsfindung von deinem sozialen Umfeld.
  • Tipp 3 Überprüfe, ob du alle Möglichkeiten erfasst hast oder dich unbewusst an den Themen, die in deinem sozialen Umfeld relevant sind, orientierst.
  • Tipp 4 Überprüfe, ob du eine Entscheidung bewusst vermeidest, aus Angst, dass sich alles zum Schlechteren wendet.
  • Tipp 5 Schreibe eine Liste oder wirf eine Münze – so fällt die Entscheidung schneller und du ordnest deine Alternativen unterbewusst nach Präferenz.

Wie triffst du Entscheidungen? Bist du eher der Bauch- oder der Kopfmensch? Welche Tipps hast du, um sicherzustellen, dass du dich richtig entscheidest? Erzähle mir sehr gerne von deinen Erfahrungen mit der Entscheidungsfindung – ich freue mich auf Austausch mit dir!


photocredits
Wegweiser – von Pablo García Saldaña
Hände mit Kastanie und Blatt – von Felix Russell-Saw
Schatten Familie – von Fancycrave
Münzen – von Ryan Thomas Ang

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